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NOMOS GBO · Prolog

Das Internet spricht nicht mehr nur

Lange Zeit lieferte uns das Internet Informationen. Suchten wir ein Restaurant, zeigte es uns die Adresse. Recherchierten wir ein Unternehmen, fanden wir dessen Website. Wollten wir ein Produkt kaufen, bekamen wir verschiedene Angebote zu sehen. Entscheiden, Formulare ausfüllen, bezahlen und die Verantwortung für die Folgen übernehmen musste weiterhin ein Mensch. Dann kam die generative KI. Nun begegneten uns Systeme, die nicht bloß Links anzeigten, sondern die dahinterliegenden Informationen lasen und daraus Antworten formulierten. Sie konnten in wenigen Sätzen erklären, was ein Unternehmen tut, Produkte vergleichen, komplexe Dokumente erläutern und einschätzen, welche Quelle vertrauenswürdiger erschien.

Damit stellte sich eine neue Frage: Wie sieht uns ein KI-System, und wie stellt es uns dar?

Von dieser Frage aus nähert sich dieses Buch dem Thema GEO. Eine Marke kann im Internet auffindbar sein und von einer KI dennoch falsch beschrieben werden. Die tatsächliche Fachkompetenz eines Unternehmens kann unsichtbar bleiben. Wissen, das über Jahre entstanden ist, kann hinter oberflächlicheren Quellen verschwinden. Eine Maschine kann eine Entität anhand unvollständiger, veralteter oder widersprüchlicher Informationen darstellen.

KI-Systeme mit Werkzeugzugriff müssen sich nicht auf Antworten beschränken. Sie können Termine vereinbaren, Angebote anfordern, Formulare ausfüllen und E-Mails entwerfen. Auch Produktvergleiche, die Auswahl von Lieferanten, Buchungen, Dateiänderungen und die Veröffentlichung von Software gehören zu ihren möglichen Fähigkeiten. Unter bestimmten Voraussetzungen können sie an Zahlungs- und Kaufvorgängen mitwirken. Das Internet spricht nicht mehr nur. Es beginnt zu handeln.

Beschreibt eine KI ein Unternehmen mit einem falschen Satz, liegt ein Darstellungsproblem vor. Überweist dieselbe KI Geld an das falsche Unternehmen, versendet sie eine nicht autorisierte Nachricht oder nimmt sie einen Vertrag an, den der Nutzer gar nicht wollte, liegt ein Verhaltensproblem vor. Eine falsche Antwort lässt sich berichtigen. Ihre Folgen lassen sich deshalb noch lange nicht immer beheben. Eine falsche Handlung kann Geld kosten, die Privatsphäre verletzen, einen Ruf beschädigen oder Menschen vor Folgen stellen, die sich nur schwer rückgängig machen lassen.

Deshalb reicht die Frage „Wird die KI uns richtig verstehen?“ nicht aus. Wir müssen auch fragen:

Wann sollte sie uns auswählen? Wann sollte sie das nicht tun? Welchen Nachweisen sollte sie vertrauen? Welche Befugnis braucht sie für einen Vorgang? Sollte sie bei Unklarheiten nachfragen? Sollte sie anhalten, wenn das Risiko steigt? Lässt sich ein Vorgang nach einem Fehler rückgängig machen? Kann ein Mensch der Entscheidung widersprechen?

Dieses Buch sucht Antworten in einem Rahmenwerk, das wir Generative Behavior Optimization nennen: kurz GBO, auf Deutsch etwa „Optimierung generativen Verhaltens“. Die türkische Bezeichnung lautet Üretken Davranış Optimizasyonu.

GBO ist keine Überzeugungstechnik

Der Ausdruck „Verhaltensoptimierung“ kann zunächst missverständlich wirken. Ein Unternehmen könnte KI-Agenten dazu bringen wollen, unbedingt es auszuwählen. Eine Marke könnte versuchen, deren Entscheidungssysteme so zu beeinflussen, dass sie häufiger empfohlen wird als die Konkurrenz. Eine Plattform könnte die Präferenzen ihrer Nutzer in Richtung der eigenen wirtschaftlichen Interessen lenken wollen. Die in diesem Buch vertretene GBO zielt nicht darauf, dass ein KI-Agent uns häufiger auswählt. Er soll unter passenden Bedingungen die richtige Wahl treffen und uns unter unpassenden Bedingungen gerade nicht auswählen. Darin liegt der ethische Kern von GBO.

Wählt ein Reiseagent immer wieder dasselbe Hotel, obwohl es nicht zu den Bedürfnissen des Nutzers passt, ist das keine erfolgreiche Optimierung. Dasselbe gilt für einen Beschaffungsagenten, der ein Unternehmen allein wegen seiner Sichtbarkeit im Internet auswählt, obwohl Preise oder Kapazitäten unklar sind. Ein KI-Assistent, der ohne ausdrückliche Zustimmung des Nutzers in dessen Namen eine Nachricht versendet, mag schnell fertig geworden sein. Richtig gehandelt hat er nicht. GBO optimiert die Angemessenheit von Handlungen, nicht ihre Anzahl. Richtiges Verhalten kann bedeuten, eine Auswahl zu treffen, abzulehnen, nachzufragen oder an einen Menschen zu übergeben. Manchmal bedeutet es, nichts zu tun.

Ein einfaches Beispiel

Stellen wir uns vor, ein KI-Agent erhält den Auftrag: „Finde einen Anbieter, der für unser Unternehmen ein mehrsprachiges Kundenportal entwickelt.“ Der Agent recherchiert im Internet, findet mehrere Unternehmen und liest ihre Leistungsbeschreibungen. Er vergleicht Preise, technische Fähigkeiten, Lieferzeiten und Sicherheitskonzepte. An diesem Punkt reichen SEO und GEO allein nicht aus. SEO hilft dabei, die Unternehmen zu finden. GEO hilft dabei, ihre Leistungen richtig zu verstehen. Doch nun muss der Agent entscheiden.

Vor der Auswahl eines Anbieters muss er wissen:

Entwickelt das Unternehmen tatsächlich Kundenportale? Beherrscht es die mehrsprachige Umsetzung wirklich, oder steht das nur im Werbetext? Gehören Authentifizierung und Datensicherheit zum Leistungsumfang? Sind Lizenzgebühren für Drittanbieter im Preis enthalten? Wird die Datenmigration gesondert berechnet? Wie lange gibt es nach der Übergabe Unterstützung? Hat das Unternehmen derzeit die Kapazität, ein weiteres Projekt anzunehmen? Passen das Budget des Nutzers und der tatsächliche Leistungsumfang zusammen? Ist der Agent befugt, ein Angebot anzufordern? Braucht der Vertragsabschluss die Zustimmung eines Menschen?

Fehlen diese Angaben, darf der Agent die Lücken nicht durch Vermutungen schließen. Er muss nachfragen und darf den Vorgang nicht auf unvollständiger Informationsgrundlage ausführen. Hier beginnt GBO. Die Aussage „Wir entwickeln Kundenportale“ genügt nicht. Ein Unternehmen muss seine tatsächlichen Fähigkeiten, Grenzen, sein Preismodell, benötigte Eingaben, Eignungsvoraussetzungen, Freigabeanforderungen und Wiederherstellungsverfahren für Menschen wie für Maschinen verständlich machen. Der Agent braucht nicht nur eine Werbeseite. Er braucht einen Verhaltensvertrag.

Der Verhaltensvertrag

Bevor ein Agent im Zusammenhang mit einer Entität handelt, muss er sieben grundlegende Fragen beantworten können:

Wer ist das? Was kann diese Entität tatsächlich leisten? Welche Nachweise gibt es dafür? Ist sie für diese Situation geeignet? Ist sie befugt, den Vorgang auszuführen? Lässt sich die Handlung sicher ausführen? Ist bei einem Fehler eine Wiederherstellung möglich?

Diese sieben Fragen bilden den Kern von GBO. Bleibt eine davon unbeantwortet, muss der Agent sein Verhalten ändern.

Fehlen Nachweise, muss er eine Überprüfung verlangen. Ist die Eignung unklar, muss er erneut vergleichen oder um Klärung bitten. Fehlt die Befugnis, muss er die betreffende Handlung stoppen und sich an jemanden wenden, der sie autorisieren darf. Ist das Risiko nicht vertretbar, darf der Vorgang nicht stattfinden. Ist eine Rückabwicklung unmöglich, müssen diese Grenze und mögliche Abhilfemaßnahmen offengelegt werden. Weitergehen darf es nur mit gültiger Befugnis und vertretbarem Risiko. Eine strengere Freigabe macht eine verbotene Handlung nicht zulässig.

Deshalb kann hohe Sichtbarkeit bei GBO eine fehlende Befugnis nicht ersetzen. Ein bekannter Markenname ersetzt keine wirksame Einwilligung. Ein günstiger Preis gleicht mangelnde Sicherheit nicht aus. Viele Quellen machen einen falschen Leistungsumfang nicht richtig. GBO folgt keiner bloßen Additionslogik, sondern einer Logik von Prüfschranken. Jede kritische Schranke muss für sich passiert werden: passende Zuordnung, ausreichende Nachweise, gültige Befugnis, sichere Ausführung sowie festgelegte Bedingungen für Rückabwicklung oder Abhilfe gehören zusammen. Fehlt eine dieser Voraussetzungen, muss der Agent einen anderen Weg einschlagen.

Wo endet GEO, wo beginnt GBO?

GEO und GBO stehen nicht in Konkurrenz zueinander, sondern ergänzen sich. Versteht ein Agent einen relevanten Sachverhalt falsch, beeinträchtigt das sein verlässliches Handeln. Korrekte Informationen können aber auch auf anderem Weg bereitstehen als durch GEO: etwa durch geprüfte Unternehmensunterlagen, Angaben des Nutzers oder direkten Datenzugriff. Eine richtige Darstellung führt dennoch nicht automatisch zu richtigem Verhalten. Ein Agent kann eine Unternehmensleistung vollkommen verstehen und trotzdem falsch auswählen, wenn er Budget, Befugnisse oder Risikogrenzen des Nutzers außer Acht lässt.

In diesem Sinne gilt: SEO bereitet die Auffindbarkeit vor. GEO bereitet die Darstellung vor. GBO bereitet das Verhalten vor.

Im Mittelpunkt von SEO steht die Seite, bei GEO die Darstellung, bei GBO die Entscheidung und die Handlung. In diesem Buch geht es nicht darum, mehr Klicks oder Zitate zu erhalten. Es geht um die Frage: Wie ermöglichen wir richtiges Verhalten, wenn Maschinen auf Menschen, Organisationen und die Welt einwirken?

Der Mensch ist keine nachträglich eingebaute Sicherung

Denken wir an ein System, das den Menschen nur als Freigabeknopf am Ende behandelt. Es recherchiert, entscheidet und plant. Dann fragt es: „Stimmen Sie zu?“ Doch der Mensch ist nicht bloß dafür da, den letzten Knopf zu drücken. Er bestimmt das Ziel, legt vertretbare Risiken fest und entscheidet, welche Handlungen er delegiert. Er erteilt Befugnisse und entzieht sie bei Bedarf wieder. Er kann Ergebnisse anfechten und verlangen, dass Fehler behoben werden. Menschliche Aufsicht ist daher kein Sicherheitszusatz außerhalb von GBO. Sie steht in dessen Zentrum.

So leistungsfähig ein Agent auch sein mag: Er darf sich seine Befugnisse nicht selbst schaffen. Eine Aufgabe ausführen zu können bedeutet nicht, zu ihrer Ausführung berechtigt zu sein. Einen Vorgang abschließen zu können macht ihn nicht richtig. Fähigkeit ist keine Befugnis. Autonomie ist keine unwiderrufliche Vollmacht.

Was leistet dieses Buch?

Dieses Buch vermittelt keine geheimen Tricks, mit denen sich KI-Agenten zur Auswahl einer Marke zwingen lassen. Es zeigt nicht, wie man Inhalte produziert, um Agenten zu täuschen. Es befürwortet auch nicht, Entscheidungssysteme durch erfundene Nachweise, künstliche Bewertungen oder manipulative maschinenlesbare Einträge zu beeinflussen. Es fragt vielmehr: Wie sollten sich Personen, Unternehmen, Dienste oder Institutionen vorbereiten, damit KI-Agenten sie richtig beurteilen und in ihrem Zusammenhang sicher handeln können?

Bessere Inhalte, bessere Daten, eine API oder ein Agentenprotokoll reichen für sich genommen nicht aus. Erforderlich ist eine zusammenhängende Verhaltensarchitektur: korrekte Identität, klar beschriebene Fähigkeiten, überprüfbare Nachweise, sichtbare Grenzen, gültige Erlaubnis, ein sicherer Ausführungsweg, menschliche Zustimmung, Protokollierung, Rückabwicklung, Widerspruch und Abhilfe. Diese Architektur nennen wir NOMOS Behavioral Contract Layer: die NOMOS-Schicht für Verhaltensverträge. Auf Türkisch heißt sie NOMOS Davranış Sözleşmesi Katmanı.

Diese Schicht sagt einem Agenten nicht nur, was er tun kann. Sie legt auch fest, wann er handeln darf, wann er es unterlassen muss und wessen Erlaubnis er benötigt. Sie erklärt, worauf seine Entscheidung beruht, wie er bei einem Fehler anhält und wie der Mensch die Kontrolle zurückerlangen kann.

Die grundlegende Definition

Dieses Buch verwendet folgende kanonische Definition:

Generative Behavior Optimization — GBO — bezeichnet die systematische Strukturierung von Identitäten, Fähigkeiten, Nachweisen, Grenzen, Erlaubnissen, Ausführungswegen und Abhilfemechanismen, damit generative und agentenbasierte Systeme im Zusammenhang mit Personen, Marken, Produkten, Dienstleistungen, Institutionen oder Informationsquellen richtig, nachweisgestützt, angemessen, autorisiert, sicher, erklärbar und reversibel handeln können.

Reversibilität bedeutet in dieser Definition nicht, dass sich sämtliche Folgen jeder Handlung beseitigen lassen. Kapitel acht und zwölf behandeln Anhalten, Entzug von Befugnissen, technische Rücksetzung und Abhilfe getrennt. Bei einer irreversiblen Handlung müssen die Grenzen vorab offengelegt werden; gültige Befugnis und vertretbares Risiko bleiben Voraussetzung. Abhilfe stellt die Vergangenheit nicht vollständig wieder her.

Einfacher gesagt: GBO soll dazu beitragen, dass KI nicht nur das Richtige weiß, sondern auch das Richtige tut. Und manchmal ist es richtig, nichts zu tun.

Quellenhinweise zu diesem Kapitel

  1. GEO: Generative Engine Optimization

    Pranjal Aggarwal, Vishvak Murahari, Tanmay Rajpurohit, Ashwin Kalyan, Karthik Narasimhan und Ameet Deshpande. arXiv:2311.09735v3, 28. Juni 2024; erstmals eingereicht am 16. November 2023; KDD 2024.

    Die Studie behandelt GEO anhand der Sichtbarkeit in Antworten generativer Systeme. Die Betonung von Repräsentation und Governance in diesem Buch ist eine begriffliche Erweiterung des Autors, nicht die einzige oder wortgetreue Definition der Studie.

  2. LLM06:2025 Excessive Agency

    OWASP Gen AI Security Project. 2025.

    Zu weitreichende Werkzeugfunktionen, Berechtigungen und Autonomie können das Risiko übermäßiger Handlungsmacht erhöhen. Berechtigungen dürfen nicht allein der Auslegung von Anweisungen durch das Modell überlassen werden; auch die ausführenden Systeme müssen sie durchsetzen.

FORSCHUNG / ANWENDUNG

Die veröffentlichte Methode auf ein bestehendes System anwenden.

Die Forschung definiert Evidenz- und Messgrenzen. Die GEO- und KI-Programme von NobleJackal nutzen diesen Rahmen, um vereinbarte Arbeiten an realen Websites und Abläufen zu untersuchen, umzusetzen und zu messen.